Von unschätzbarem Wert hat sich die automatische Literaturkritik der "Riesenmaschine" erwiesen, bei dem literarische Texte nach einem festgelegten Punkteschema analysiert werden und so eine vollautomatische Rezension erstellt wird. Pluspunkte gibt es beispielsweise für "Natur findet nicht statt" oder "Fahrräder sind Fahrräder und keine Metaphern". Punktabzug gibt hagelt es dagegen, wenn in dem Textauszug Themen behandelt werden wie "Transzendentale Obdachlosigkeit, Unbehaustheit des Menschen: 1 Punkt; falls unter Zuhilfenahme von Hotels erörtert: 2 Punkte". Ein Werkzeug von unschätzbarer Nützlichkeit - wenngleich die meisten meiner literarischen Ergüsse gnadenlos im Minusbereich landen würden, schon allein wegen des unerträglichen "Anaphern-/Epiphern-Getöses".
"Aberaber", mag da die eine oder andere literaturbegeisterte Provkationsstudnetin einwenden, "Was wäre denn ein Tolkien oder ein Hölderlin ohne die grandiosen Naturbeschreibungen?"
"Ein Minuspunkt weniger", lautet meine Antwort. Und ich gehe noch einen Schritt weiter in Richtung Radikalisierung vollautomatischer Rezensionssysteme: Auch Menschen sollten nach derartigen Kriterienlisten beurteilt werden. Deswegen präsentiere ich hier die erste automatische Personenkritik. Und wo bieten Menschen, denen zumindest genügend Bildung für ein Hochschulstudium unterstellt wird, der Weltöffentlichkeit mehr pikante Details feil als im StudiVZ? Ohje, das klingt schon wieder nach diesen Oberlehrersprüchen à la "Pass gut auf, was du in dieses Internet schreibst, was da einmal drinsteht, kriegst du nie wieder raus!". Vergessen Sie also schnell den vorletzten Satz und konzentrieren Sie sich stattdessen lieber auf diese piekfeine Liste:
Automatische Personenkritik
operationalisiert durch die Selbstdarstellung in sogenannten "StudiVZ-Profilen".
PLUSPUNKTE
- Lastenausgleich: Weniger als 20 Freunde (betonte Misanthropie/Anschlussprobleme) oder mehr als 200 (zwischenmenschliche Promiskuität)
- Lastenausgleich: Einen Pluspunkt für jeden Pinnwandkettenbrief und jedes ASCII-Pinnwandbildchen
- Lastenausgleich: Kann nicht klar denken, wenn Männer gut riechen (Profilinhaber scheint immerfort von wohlparfümierten Männern umgeben zu sein)
- unfreiwillige-Ironie-Punkt: Beziehungsstatus "vergeben" oder "kein Interesse", gleichzeitig aber Fotoalben voller Bilder, die den Betrachter zur Reproduktion mit dem Profilinhaber auffordern
- Schäuble und Piratenpartei gleichzeitig gutfinden
- Gruppenliste drückt offene Feindschaft mit dem Betrachter aus ("Du besuchst schon wieder mein Profil? Druck es dir doch aus!") oder unterstellt ihm Paarungswillen ("Gib's zu, du stehst auf mich!")
- Trennungsmeldungen, Handynummern oder explizite sexuelle Beschreibungen in der aktuellen Buschfunkmeldung
- Hat alle seine Gruppen selbst gegründet
- Studiert BWL und findet Die Linke gut / Studiert Landschaftsökologie und wählt offensichtlich grün
- Selbstkritik-Punkt: Mitgliedschaft in der Gruppe "Zum Glück erkenne ich Idioten jetzt am Addicted-to-Party-Stempel", Profilinhaber hat ebenjenen Profilstempel jedoch selbst
MINUSPUNKTE
- Selbstporträt von schräg oben mit ausgestreckter Hand im Bildrand (verwandelt sich in einen Pluspunkt, wenn unaufgeräumtes Zimmer oder ungespülte Toiletten im Hintergrund zu sehen sind)
- Bild hochauflösender als das Gesicht selbst
- Zeichentrickfiguren, Sehenswürdigkeiten, Haustiere, politische Botschaften, Bierfässer, Deutschlandflaggen oder Sexualpartner im Profilbild
- Ein Minuspunkt für jedes Sonderzeichen im Namen, ab minus drei wird zwecks Lastenausgleich wieder aufwärts gezählt
- Über 120 Verlinkungen, die alle gleich aussehen (grinsende Blondinen, Schminke, Cocktailgläser, überbelichtete Nasen und Stirnen)
- Einen Minuspunkt für konservativ, zwei für kronloyal, Lastenausgleichspunkt für "Mitte rechts"
- Interessen sind Shoppen gehen, Freunde treffen und Party machen. Auch nicht viel besser: Buddhismus, fremde Kulturen und die alten Germanen
- Lieblingsmusik "eigentlich alles" (oder das Gegenstück: ausschließlich unbekannte/erfundene Bands aus Profilierungsgründen)
- Lieblingsbücher von Dan Brown oder Stephenie Meyer
- Lieblingsfilme sind SAW I-V oder "Stolz und Vorurteil"
- Gruppen aus dem Kasten
- Über sich selbst: "Finde es heraus!"
- Lieblingszitate von Laotse, Nietzsche oder Johann Wolfgang von Goethe
- Anbiederung beim anderen Geschlecht durch offen zur Schau getragene Bisexualität ("Ein bisschen bi schadet nie!")
- offensichtlich bedingungslose Bereitschaft zur Volksgemeinschaft: Teil von Schneeballgruppen ("Freundesfreunde Freunde")
- Identifikation mit Abischnitt, einer Sportart ("Wenn spamspamspam einfach wäre, würde es spamspamspam heißen"), einer Stadt ("Über spamspamspam lacht die Sonne, über spamspamspam die ganze Welt") oder seinem Geschlechtsteil ("Männer vs. Frauen: Wer knackt zuerst die 20000?")
- Gruppenliste zeigt: Interessengebiet erschöpft sich in belanglosen Detailfragen des Alltags, ob es etwa das "Einzigste" gibt, Butter unter die Nutella kommt oder der alte Plauderkasten besser war
- vollautomatische Beischlafangebote durch Klicken des "Gruscheln"-Buttons
Um jetzt mal eine Kritik der Kritik zu wagen: Die Minuspunktliste ist viel länger, und die wenigen Chancen auf einen Pluspunkt sind entweder Lastenausgleichspunkte oder Selbstironie. Vielleicht hätte ich diese Liste in einer weniger misanthropischen Verfassung schreiben sollen?
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Mittwoch, 14. Juli 2010
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