Samstag, 31. Juli 2010

Die Bisamratte, Ausgabe 2: Gejagt vom AStA

Die Ereignisse in den Bisamratten-Redaktion haben sich überschlagen!
Noch heute morgen waren wir friedliche Journalisten in der Mitte der Gesellschaft, nun sind wir Aussätzige in einer feindlichen Umgebung. Ernähren uns aus Mülltonnen, sind froh über jedes Stück Brot, das man uns zuwirft, und nur unser Mantel spendet uns Trost und Wärme in der Nacht. Nun senden wir von Unbekannt.
Vom Podcast zum Piratensender - das allseits beliebte Seniorenmagazin "Die Bisamratte" ist nun dazu gezwungen, wie einst schon die Apotheken-Rundschau, aus politischen Gründen von nun an aus dem Untergrund agieren. Aber hören Sie selbst:


Wie wird es weitergehen? Werden wir überleben? Ist das das Ende der Zivilisation, so wie wir sie kennen? Fragen, die vorerst offen bleiben. Wir halten Sie auf dem Laufenden, sobald es neue Informationen gibt.

Montag, 26. Juli 2010

Die Bisamratte - Der Podcast für Junggebliebene!

Junggebliebene Inge F. (77)
ist begeistert! Endlich ein
Podcast, der sie anspricht.
Um auch die ältere Generation für das Unterhaltungsangebot von Alligator im Glas zu begeistern, gibt es ab jetzt nahezu täglich 19 Uhr "Die Bisamratte, der Forellenfriedhof-Podcast für Junggebliebene" mit spannenden Themen für Alt und Jung. In unserer ersten Ausgaben haben wir uns an das brisante Thema "studentische Fahrradrowdies - Eine Bedrohung für uns als Rentner?" herangewagt. Aber hören Sie selbst!


Aufgrund der kritischen Darstellung fahrradfahrender Studierender wurde der Bisamratten-Server vom Allgemeinen Studierendengeheimdienst (AStGeDi), Zentralorgan des AStA Greifswald (der Gewerkschaft der Studierenden), beschlagnahmt und wird derzeit nach kritischem Material durchsucht. Wir bitten um Verständnis.

Bild: (cc) by goldberg @ flickr.com

Update, 27. Juli 2010: Soeben trudelte in die Bisamratten-Redaktion eine Antwort unseres langjährigen Hörers Heinz Senckelbusch ein. Ein Hörerbrief, sozusagen. Man lausche gespannt:

Mittwoch, 14. Juli 2010

Profilneurosen

Von unschätzbarem Wert hat sich die automatische Literaturkritik der "Riesenmaschine" erwiesen, bei dem literarische Texte nach einem festgelegten Punkteschema analysiert werden und so eine vollautomatische Rezension erstellt wird. Pluspunkte gibt es beispielsweise für "Natur findet nicht statt" oder "Fahrräder sind Fahrräder und keine Metaphern". Punktabzug gibt hagelt es dagegen, wenn in dem Textauszug Themen behandelt werden wie "Transzendentale Obdachlosigkeit, Unbehaustheit des Menschen: 1 Punkt; falls unter Zuhilfenahme von Hotels erörtert: 2 Punkte". Ein Werkzeug von unschätzbarer Nützlichkeit - wenngleich die meisten meiner literarischen Ergüsse gnadenlos im Minusbereich landen würden, schon allein wegen des unerträglichen "Anaphern-/Epiphern-Getöses".

"Aberaber", mag da die eine oder andere literaturbegeisterte Provkationsstudnetin einwenden, "Was wäre denn ein Tolkien oder ein Hölderlin ohne die grandiosen Naturbeschreibungen?"
"Ein Minuspunkt weniger", lautet meine Antwort. Und ich gehe noch einen Schritt weiter in Richtung Radikalisierung vollautomatischer Rezensionssysteme: Auch Menschen sollten nach derartigen Kriterienlisten beurteilt werden. Deswegen präsentiere ich hier die erste automatische Personenkritik. Und wo bieten Menschen, denen zumindest genügend Bildung für ein Hochschulstudium unterstellt wird, der Weltöffentlichkeit mehr pikante Details feil als im StudiVZ? Ohje, das klingt schon wieder nach diesen Oberlehrersprüchen à la "Pass gut auf, was du in dieses Internet schreibst, was da einmal drinsteht, kriegst du nie wieder raus!". Vergessen Sie also schnell den vorletzten Satz und konzentrieren Sie sich stattdessen lieber auf diese piekfeine Liste:

Automatische Personenkritik
operationalisiert durch die Selbstdarstellung in sogenannten "StudiVZ-Profilen".

PLUSPUNKTE
- Lastenausgleich: Weniger als 20 Freunde (betonte Misanthropie/Anschlussprobleme) oder mehr als 200 (zwischenmenschliche Promiskuität)
- Lastenausgleich: Einen Pluspunkt für jeden Pinnwandkettenbrief und jedes ASCII-Pinnwandbildchen
- Lastenausgleich: Kann nicht klar denken, wenn Männer gut riechen (Profilinhaber scheint immerfort von wohlparfümierten Männern umgeben zu sein)
- unfreiwillige-Ironie-Punkt: Beziehungsstatus "vergeben" oder "kein Interesse", gleichzeitig aber Fotoalben voller Bilder, die den Betrachter zur Reproduktion mit dem Profilinhaber auffordern
- Schäuble und Piratenpartei gleichzeitig gutfinden
- Gruppenliste drückt offene Feindschaft mit dem Betrachter aus ("Du besuchst schon wieder mein Profil? Druck es dir doch aus!") oder unterstellt ihm Paarungswillen ("Gib's zu, du stehst auf mich!")
- Trennungsmeldungen, Handynummern oder explizite sexuelle Beschreibungen in der aktuellen Buschfunkmeldung
- Hat alle seine Gruppen selbst gegründet
- Studiert BWL und findet Die Linke gut / Studiert Landschaftsökologie und wählt offensichtlich grün
- Selbstkritik-Punkt: Mitgliedschaft in der Gruppe "Zum Glück erkenne ich Idioten jetzt am Addicted-to-Party-Stempel", Profilinhaber hat ebenjenen Profilstempel jedoch selbst

MINUSPUNKTE
- Selbstporträt von schräg oben mit ausgestreckter Hand im Bildrand (verwandelt sich in einen Pluspunkt, wenn unaufgeräumtes Zimmer oder ungespülte Toiletten im Hintergrund zu sehen sind)
- Bild hochauflösender als das Gesicht selbst
- Zeichentrickfiguren, Sehenswürdigkeiten, Haustiere, politische Botschaften, Bierfässer, Deutschlandflaggen oder Sexualpartner im Profilbild
- Ein Minuspunkt für jedes Sonderzeichen im Namen, ab minus drei wird zwecks Lastenausgleich wieder aufwärts gezählt
- Über 120 Verlinkungen, die alle gleich aussehen (grinsende Blondinen, Schminke, Cocktailgläser, überbelichtete Nasen und Stirnen)
- Einen Minuspunkt für konservativ, zwei für kronloyal, Lastenausgleichspunkt für "Mitte rechts"
- Interessen sind Shoppen gehen, Freunde treffen und Party machen. Auch nicht viel besser: Buddhismus, fremde Kulturen und die alten Germanen
- Lieblingsmusik "eigentlich alles" (oder das Gegenstück: ausschließlich unbekannte/erfundene Bands aus Profilierungsgründen)
- Lieblingsbücher von Dan Brown oder Stephenie Meyer
- Lieblingsfilme sind SAW I-V oder "Stolz und Vorurteil"
- Gruppen aus dem Kasten
- Über sich selbst: "Finde es heraus!"
- Lieblingszitate von Laotse, Nietzsche oder Johann Wolfgang von Goethe
- Anbiederung beim anderen Geschlecht durch offen zur Schau getragene Bisexualität ("Ein bisschen bi schadet nie!")
- offensichtlich bedingungslose Bereitschaft zur Volksgemeinschaft: Teil von Schneeballgruppen ("Freundesfreunde Freunde")
- Identifikation mit Abischnitt, einer Sportart ("Wenn spamspamspam einfach wäre, würde es spamspamspam heißen"), einer Stadt ("Über spamspamspam lacht die Sonne, über spamspamspam die ganze Welt") oder seinem Geschlechtsteil ("Männer vs. Frauen: Wer knackt zuerst die 20000?")
- Gruppenliste zeigt: Interessengebiet erschöpft sich in belanglosen Detailfragen des Alltags, ob es etwa das "Einzigste" gibt, Butter unter die Nutella kommt oder der alte Plauderkasten besser war
- vollautomatische Beischlafangebote durch Klicken des "Gruscheln"-Buttons

Um jetzt mal eine Kritik der Kritik zu wagen: Die Minuspunktliste ist viel länger, und die wenigen Chancen auf einen Pluspunkt sind entweder Lastenausgleichspunkte oder Selbstironie. Vielleicht hätte ich diese Liste in einer weniger misanthropischen Verfassung schreiben sollen?
Mithilfe beim Zusammentragen weiterer (nach Möglichkeit positiver) Punkte über die Kommentarfunktion ist erwünscht.

Freitag, 2. Juli 2010

KlassenFahrt: Betriebsausflug ins Rote

"Es tut mir unendlich leid!", brüllt Victor von Hagestolz eine Zehntelsekunde nach dem Aufwachen durch sein Mobiltelefon der enttäuscht alleingelassenen Reisegruppe entgegen. Alle waren rechtzeitig aufgestanden. Selbst der sonst etwas verpeilte Diplomstudent Arthur Cronen stand pünktlich am Bahnsteig.
Nur Victor fand, dass es um sechs definitiv zu früh für den Betriebsausflug zum Фузион-Festival sei und nahm sich so viel Schlaf, wie er es für richtig hielt. Zwei Stunden später kamen wir alle... was soll's, Tod dem chronologischen Erzählen! Spam spam spam spam spam spam spam spam spam spam. Ein Ausflug zur Fusion ist kein Schullandheimaufenthalt. Deswegen folgen nun einige lachgasgetränkte Erinnerungsfetzen aus einem riesigen Samowar voller Ferienkommunismus, musikalischem Inzest, grüngepuschelten Emu-Ausritten und hirnlosem Rumgesiffe im eigenen Saft - Fusion eben.

You know too much
Unterwegs stießen noch zwei weitere Reisegefährten zu uns: Gabi Tse Tung (wollte unerkannt bleiben) und Emolonen-Benny, der fruchtgewordene Weltschmerz in Form einer gigantischen Wassermelone (Serviervorschlag siehe Abbildung). Leider verbrachte das (scheinbar) unzertrennliche Paar den größten Teil der Fusion stupide vor sich hingammelnd in der prallen Hitze des Zeltplatzes. Irgendwann trieb unser Doktorand E. Nigma den Keil der Zwietracht zwischen die beiden. Gewaltsam getrennt konnten sie dann doch noch an unserem Betriebsausflug teilhaben - doch dazu später mehr. Und was zum Teufel ist eigentlich ein Conveniant? Weiß es einer?

Synapsenkitzelnde Endlosschleifen
Sonntagmorgen, keine Band spielt mehr, keiner weiß so richtig, was zu tun ist, wie das Festival zu einem angemessenen Ende zu bringen ist. Von irgendwoher tönt Karusellmusik. Es könnte auch Donkey Kong entsprungen sein oder einem nervtötenden Kinderlied. Fest stand nur: Wir gingen innerhalb der letzten neun Stunden drei Mal an dieser Tanzfläche vorbei, und jedes Mal kam dieses Lied. In einer Mischung aus Selbstironie und Mangel an Alternativen stürzen wir uns in eine riesige tanzende Menge, fassen uns an den Schultern und polonäseln in den Morgen, ständig der Gefahr ausgesetzt, von einem herabstürzenden volltrunkenen Kosmonauten erschlagen zu werden. A generation out of space. Das Lied macht (für Außenstehende völlig unverständlich) süchtig, wird von Mal zu Mal besser.
"Das nächste Lied handelt von etwas völlig anderem - aber die Melodie ist die gleiche! Und davon handelt das nächste Lied", sprach der Schallplattenunterhalter des Drunken-Haircut-DJ-Teams in sein Mikrofon - und das gleiche noch mal. Wieder und wieder. Nie wurde einem die ewige Wiederkehr besser vor Augen geführt. Seelenheil: Repeat One. Inzwischen hat sich das halbe Festival um die winzige Tanzfläche versammelt und singt lauthals zum durchschlagendsten Partymix aller Zeiten mit. Was mit einer blöden Melodie anfing, endete in einem gigantischen Flashmob: mehrere tausend Fusionisten ziehen begeistert zu den weit entfernten Bachstelzen, um eine feindliche Übernahme des dortigen Dancefloors durchzuführen. Wie man sieht, mit Erfolg:

"Drei Stunden im Zelt von links nach rechts gedreht und von Tetris geträumt und erst am nächsten Morgen gehört, was abging", schrieb ein vorzeitig Schlafengegangener in einem Forum. Das großartige Lied heißt übrigens "Frazy" und stammt von einem Künstler mit dem inspirierten Namen Synapsenkitzler. Auch bei der nächsten Mittwochsparty im Studentenclub Kiste sorgte es (in Endlosschleife, evrsteht sich) im Barraum für wilde, ausgelassene Tanzgelage. Ein Reizschwelle-Industrial-Remix folgt demnächst.


Es geht ein Gespenst um in Europa
Doch was ist inzwischen aus Emolonenbenny und Gabi Tse Tung geworden? In aller Brutalität wurden sie zertrennt, zerfleischt und ausgelöffelt und zu einer schmucken Kopfbedeckung für Herrn von Hagestolz verarbeitet. Verursachte zwar Nackenschmerzen und verklebte Haare, war  jedoch als immerfeuchter Schattenspender (und Reiseproviant) jedoch von unschätzbarem Wert. In Kombination mit der obligatorischen Institutsmaske, der Welle:Erdball-Sonnenbrille, dem Fusion-Raketenshirt (gestaltet vom Provokationsstudent "Clown") und der grellorangeblauen Kriegsbemalung (nicht im Lieferumfang enthalten) ein furchterregender Anblick. Victor von Hagestolz erfindet folgerichtig das Prinzip der reversed drug: Nicht der Konsument selbst halluziniert, sondern seine Umwelt beginnt zu halluzinieren. Wenn du dich mit deiner Umwelt einlässt, verändert sich nicht deine Umwelt - die Umwelt verändert dich! Ich bin der Protagonist eurer Horrortrips. Die psychotische Provokationsstudentin Lou von Gillot scheint sich jedenfalls bis heute noch nicht richtig von diesem Schreckensbild losgerissen zu haben.

You'll never be alone again
Freitagnacht, durchgenudelt im Fusion-Strudel, bestehend aus nackten, tanzenden Wilden; versteckten unterirdischen Grotten voller Bücher und Käsesteaks; rotierenden Skultpuren aus brennenden Blumentöpfen; dem sich ständig in Bewegung befindlichen Boden, vor lauter Bässen von allen Seiten erzitternd; der ständigen Angst, beim Mundaufmachen zu Staub und Schweiß zu zerfallen... Raus aus meinem Traum, Donald Duck! Ich entschwebe, reiße ein Stück meiner Seele von meinem Körper und schleudere ihn mitten in die Menge, wo er von hunderttausend Fusionfüßen in den Boden getrampelt wird. Liebe tritt sich fest.
Und über allen diese einzigartige Fusion-Luft! Getränkt von köstlichen Pilzgerichten, niedergebrannten Weizenfeldern, umgestoßenen Dixieklos; ineinander verbissenen, schwitzenden, liebenden Kommunistenkörpern; entrückteverrücktezerdrückte Musik, so laut, dass man sie bereits riechen kann. Manchmal verirrt sich mitten in langweiligen Alltagstätigkeiten jenseits der fusionistischen Parallelgesellschaft ein schwacher Hauch dieses wunderbaren Dufts in meine Nase, schlagartig spüre ich wieder all die tanzenden Menschen um mich herum, und ich sehne mich nach dir.
Fusion, ich liebe dich.