Montag, 3. Januar 2011

Stockholm-Syndrom und Erpressererotik

Ich kehrte gerade von der Reizschwelle-Europatorunee heim, an mir noch all der stinkende Großstadtschmodder und Metropolenglibber (dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt), da trudelte folgende Mail in das Forellenfriedhof-Postfach, verfasst von einem gewissen "Mathias Mann":

22.4.1724/12.2.1809/2.7.1877-3.12.1942/23.7.1938/14.10.1978/28.1.1944/30.12.1819/7.6.1917-20.1.1930/16.7.1909/24.10.1946/7.5.1875...21.11.10
Es sei denn, Sie schreiben mir, was ich lesen will.

 Schon nach dem Entschlüsseln der ersten Buchstaben wurde mir Angst und Bange, also hörte ich schnell damit auf. Glücklicherweise konnte ich den Erpresser in einen langatmigen Briefwechsel über das Gegenteil von "Friedhof" verwickeln. Mein Peiniger vergaß in all der Verwirrung die Erpresser-Deadline und ich entkam meinem sicheren Tod - obwohl, weiß man's? Am Ende drohte er mir mit einem Jahresabo Oreo-Kekse? Sicher könnte ich mir nur sein, wenn ich den Code vollständig entschlüsselt hätte.

Momentan habe ich allerdings große Angst, dass der Erpresser vielmehr mit der Entführung unseres genialen Forellenfriedhof-Barden Arthur Cronen (siehe Abbildung) drohte, denn den habe ich seit mehreren Monaten nicht mehr egsehen - verdammt, Arthur, wo steckst du? So war das mit dem postmodernen Idenditätszerfall nicht gemeint! Hinweise zu seinem Verbleib werden gern unter der eigens dafür eingerichteten E-Mail-Adresse forellenfriedhof@gmx.de entgegengenommen.
Gerade eben nahm der Entführer jedoch erneut Kontakt zu mir auf und bat um die Veröffentlichung folgenden Schriftstücks, nach eigenen Angaben ein Auszug aus dem selbstgeschriebenen Theaterstück "Du und Ich - Ein Stück über ein Stück Liebe". Dem stets um Sitte und Keuschheit bemühten Verfasser dieser Zeilen, Victor von Hagestolz, ist dieser Monolog definitiv zu unanständig, doch angesichts der besonderen Umstände bleibt mir wohl keine andere Wahl. Immerhin gibt der Text einen guten Einblick in die wirre Wahnwelt des Erpressers (am Ende nur ein verkappter Poet auf der Suche nach literarischer Anerkennung? Die Kommentarfunktion dieses Beitrags darf jedenfalls gern für amateurhafte pseudo-psychologische Analysen seines Seelenlebens genutzt werden). Und hier ist der Text:


Gustav: Manche Tage beginnen damit, dass ich versuche, die mir noch vor Augen hängenden Traumfetzen wieder zusammenzufügen. Verbissen weigere ich mich dann, das Träumen aufzugeben und lege dem flüchtenden Traum selbsterdachte Szenen in den Weg, ersinne Stolperfallen und Fallgruben, errichte ganze Barrikaden aus meiner Vorstellungskraft. Meist sind alle Bemühungen das eigentliche Erwachen hinauszuzögern vergeblich; doch in seltenen Fällen wandeln und vereinigen sich meine Gedanken wieder zu dem Bild jener schönen Frau, mit der zusammen ich die Nacht verbrachte. Mal ist es meine Untermieterin, vor deren Hund ich mich als einzigen nicht ängstige, trotzdem ich seinen Namen nicht kenne, mal scheint es die, die in braunen Wildlederstiefeln am Nachtpostkasten vor mir stand, die es zuvor vielleicht besonders eilig hatte und möglicherweise sogar irgendwo in der Nähe wohnte, da ihre feinen aschblonden Locken im Nacken hektisch von einem schwarzen Seidenschal umwickelt waren, deren Briefe ihr in den Schnee fielen und die aufzuheben ich mir nicht getraute. Oder die gut silhouettierte Schwarzhaarige, der ich im Sommer einmal fast die ganze Hauptstraße lang hinterher lief, wobei sich unser Abstand kontinuierlich verringerte, bis ich sie an meiner Haustür aus den Augen verlor. Oder diese oder jene.
Es ist ja nicht so, dass ich nicht will, aber ich kann nicht, ich kann einfach nicht. Und schon sind sie weg. Aber was soll man denn auch sagen, in einem Zustand geistiger Schwachheit, in dem man nur denken kann: Schön, schön, wie unbeschreiblich schön du doch bist. Und: Schlaf doch mit mir, bitte, bitte schlaf doch mit mir.
Nun…gelegentlich entstehen solche Visionen, solche Träume auch tagsüber. Meist banale Situationen jedoch mit immergleichem Ende. Nachdem ich den Kopf ihres Hundes streichelte, mich bückte um ihr ihre Briefe zu reichen, oder sie von hinten mit einem freundlich bestimmten „Entschuldigung“ anrief, lauscht sie auf meinem Bett neben mir sitzend aufmerksam meinen schön gesprochenen, die Welt erklärenden Worten, bis sie plötzlich ihren Kopf von meiner Schulter hebt und einige Sekunden lang regungslos verharrt, so als überlege sie, wie sich ein spontan gefasster Entschluss am wirkungsvollsten umsetzen ließe. Dann steht sie auf und positioniert sich mir gegenüber. Wie schön sie doch ist, denke ich, während meine Blicke von ihren Schultern an abwärts gleiten, an ihren Brüsten hängen bleiben und, als wollten sie die verlorene Zeit wieder aufholen, zu der silbernen Gürtelschnalle an ihrer Jeans springen, anschließend beschleunigt ihre Beine entlang fahren, und letztlich mit einem Satz auf ihre weichen Lippen fliegen. Diese lächeln traurig, als ihre Besitzerin sich auszuziehen beginnt. Zielstrebig öffnen ihre Finger die Knöpfe der weißen Bluse, die, bald darauf an den Seiten herunterhängend gemeinsam mit dem vielgetragenem braunen Ledergürtel ihren Oberkörper wie ein Gemälde zu umrahmen scheint.
Ein schwarzer Spitzen - BH fällt zu Boden. Ich sehe auf ihre Brüste. Sie zieht ihre Hose aus, ihren Slip und streift sich zuletzt die Bluse von den Schultern. Nackt steht sie vor mir und während sie sich mit der rechten Hand zwischen den Schenkeln reibt, entrückt ihr stumpfer Blick zusehends, fast, als vergewaltige sie sich selbst.
Ich zittere als sie sich wieder neben mich setzt und dabei den Duft ihrer bewegten Haare rieche. Wir zittern beide. Ich merke, wie sie mir ihr Gesicht zuwendet, bevor sie nach kurzem Innehalten in mein Ohr flüstert: „Ich bin zu schön für dich.“
Ungläubig umfasse ich ihr Gesicht, ziehe es an meines und drücke heftige Küsse auf ihre Wangen und Lippen. Ich küsse ihren Hals entlang, während, meine verzweifelten Hände vergebens nach Halt auf ihrem Körper suchen. Geduldig lässt sie alles über sich ergehen, erwidert nichts.
Schließlich umklammere ich sie nur noch und weine.
Und wenn ich dann abends zu Hause sitze, die Arme fest um mich selbst geschlungen, vollgestopft mit den Erinnerungen an all die schönen Mädchen, die am Tage immer an mir vorüberrauschen, mit denen ich rede und lache, die ich umarme und beweine, wenn sie nichts davon mitbekommen, wenn ich also abends so zu Hause sitze, dann überwältigt mich manchmal eine unüberhörbare Stille, fesselt mich in der Realität und macht, dass ich mich einsam fühle. Und dann geh ich zum Schuhschrank, suche mir Schuhe aus und putze, putze, putze, putze…und hinterher ist die Einsamkeit immer wie weggewichst.


Mark Boombastik: Putzen (Nerk & Dirk Leyers Remix) by nerk

3 Kommentare:

  1. Zu Arthur Cronen:
    Ich glaube, er hat sich partikelliert.* Zumindest ist mir gestern Nacht (im Zug nach Stralsund, etwa gegen 22 Uhr) seine Stimme begegnet. Allerdings hing ein Punker dran. Er sang gutherzig für alle Anwesenden, die nicht das Glück hatten, mit seiner Musik via Kopfhörer verbunden zu sein, die Songtexte lautstark mit. Es müssen Songs mit kritischen Botschaften gewesen sein, denn ich zählte etwa 34mal den Begriff „Bullenschwein“, 19mal „System“ und immerhin viermal „Revolution“.

    Wir müssen uns seine Stimme als einen Horkrux vorstellen.
    Finden wir alle seine Stücke, fügen wir sie wieder zum originalen Arthur Cronen zusammen.
    (Fürs Zusammenfügen hat Dumbledore freilich keine Gebrauchsanweisung hinterlassen! Mistkerl.)

    *(mutig das i aus dem Betonungsbereich zerren und die dritte Silbe wie bei Keller betonen, also parti-kelliert)

    PS: Ein Freund hat sein Silvester mit vier Hunden verbracht. Das leuchtet ein.

    -

    PPPPS: Zum Blogbeitrag äußere ich mich wann anders.

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  2. Immerhin werden Oreo-Kekse für Dope-Experimente als zwingend notwendig ausgewiesen.
    Sie machen dir den Weg frei.

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  3. Um mich mal unfreiwillig zum Handlanger des Aufklärungsbetriebs (ein kapitalistisches Unternehmen mit Machtmonopol) zu machen:

    Mathias Mann ist in Wirklichkeit der Ehemann von Rosa Hagemann. Man braucht keine Detailanalyse anzufertigen, um das auf den ersten Blick zu erkennen. Kleiner Tipp:
    an welche viel zitierte Aussage erinnert der Satz "Ich bin zu schön für dich?"

    Arthur Cronen hat tatsächlich eine Spur, die zu ihm führt, gelegt - hier, im forellenfriedhof überlaut.

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Werte Senioren! In letzter Zeit berichtet man im Forellenfriedhof-Dunstkreis immer wieder von einem Trickbetrüger, der sich infamerweise über Fake-Accounts als "Victor von Hagestolz" ausgibt. Die Fälschung ist allerdings sehr leicht zu enttarnen: Im Gegensatz zum originalen Victor von Hagestolz hat seine Avatarforelle keine Schwanzflosse!
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