Freitag, 2. Juli 2010

KlassenFahrt: Betriebsausflug ins Rote

"Es tut mir unendlich leid!", brüllt Victor von Hagestolz eine Zehntelsekunde nach dem Aufwachen durch sein Mobiltelefon der enttäuscht alleingelassenen Reisegruppe entgegen. Alle waren rechtzeitig aufgestanden. Selbst der sonst etwas verpeilte Diplomstudent Arthur Cronen stand pünktlich am Bahnsteig.
Nur Victor fand, dass es um sechs definitiv zu früh für den Betriebsausflug zum Фузион-Festival sei und nahm sich so viel Schlaf, wie er es für richtig hielt. Zwei Stunden später kamen wir alle... was soll's, Tod dem chronologischen Erzählen! Spam spam spam spam spam spam spam spam spam spam. Ein Ausflug zur Fusion ist kein Schullandheimaufenthalt. Deswegen folgen nun einige lachgasgetränkte Erinnerungsfetzen aus einem riesigen Samowar voller Ferienkommunismus, musikalischem Inzest, grüngepuschelten Emu-Ausritten und hirnlosem Rumgesiffe im eigenen Saft - Fusion eben.

You know too much
Unterwegs stießen noch zwei weitere Reisegefährten zu uns: Gabi Tse Tung (wollte unerkannt bleiben) und Emolonen-Benny, der fruchtgewordene Weltschmerz in Form einer gigantischen Wassermelone (Serviervorschlag siehe Abbildung). Leider verbrachte das (scheinbar) unzertrennliche Paar den größten Teil der Fusion stupide vor sich hingammelnd in der prallen Hitze des Zeltplatzes. Irgendwann trieb unser Doktorand E. Nigma den Keil der Zwietracht zwischen die beiden. Gewaltsam getrennt konnten sie dann doch noch an unserem Betriebsausflug teilhaben - doch dazu später mehr. Und was zum Teufel ist eigentlich ein Conveniant? Weiß es einer?

Synapsenkitzelnde Endlosschleifen
Sonntagmorgen, keine Band spielt mehr, keiner weiß so richtig, was zu tun ist, wie das Festival zu einem angemessenen Ende zu bringen ist. Von irgendwoher tönt Karusellmusik. Es könnte auch Donkey Kong entsprungen sein oder einem nervtötenden Kinderlied. Fest stand nur: Wir gingen innerhalb der letzten neun Stunden drei Mal an dieser Tanzfläche vorbei, und jedes Mal kam dieses Lied. In einer Mischung aus Selbstironie und Mangel an Alternativen stürzen wir uns in eine riesige tanzende Menge, fassen uns an den Schultern und polonäseln in den Morgen, ständig der Gefahr ausgesetzt, von einem herabstürzenden volltrunkenen Kosmonauten erschlagen zu werden. A generation out of space. Das Lied macht (für Außenstehende völlig unverständlich) süchtig, wird von Mal zu Mal besser.
"Das nächste Lied handelt von etwas völlig anderem - aber die Melodie ist die gleiche! Und davon handelt das nächste Lied", sprach der Schallplattenunterhalter des Drunken-Haircut-DJ-Teams in sein Mikrofon - und das gleiche noch mal. Wieder und wieder. Nie wurde einem die ewige Wiederkehr besser vor Augen geführt. Seelenheil: Repeat One. Inzwischen hat sich das halbe Festival um die winzige Tanzfläche versammelt und singt lauthals zum durchschlagendsten Partymix aller Zeiten mit. Was mit einer blöden Melodie anfing, endete in einem gigantischen Flashmob: mehrere tausend Fusionisten ziehen begeistert zu den weit entfernten Bachstelzen, um eine feindliche Übernahme des dortigen Dancefloors durchzuführen. Wie man sieht, mit Erfolg:

"Drei Stunden im Zelt von links nach rechts gedreht und von Tetris geträumt und erst am nächsten Morgen gehört, was abging", schrieb ein vorzeitig Schlafengegangener in einem Forum. Das großartige Lied heißt übrigens "Frazy" und stammt von einem Künstler mit dem inspirierten Namen Synapsenkitzler. Auch bei der nächsten Mittwochsparty im Studentenclub Kiste sorgte es (in Endlosschleife, evrsteht sich) im Barraum für wilde, ausgelassene Tanzgelage. Ein Reizschwelle-Industrial-Remix folgt demnächst.


Es geht ein Gespenst um in Europa
Doch was ist inzwischen aus Emolonenbenny und Gabi Tse Tung geworden? In aller Brutalität wurden sie zertrennt, zerfleischt und ausgelöffelt und zu einer schmucken Kopfbedeckung für Herrn von Hagestolz verarbeitet. Verursachte zwar Nackenschmerzen und verklebte Haare, war  jedoch als immerfeuchter Schattenspender (und Reiseproviant) jedoch von unschätzbarem Wert. In Kombination mit der obligatorischen Institutsmaske, der Welle:Erdball-Sonnenbrille, dem Fusion-Raketenshirt (gestaltet vom Provokationsstudent "Clown") und der grellorangeblauen Kriegsbemalung (nicht im Lieferumfang enthalten) ein furchterregender Anblick. Victor von Hagestolz erfindet folgerichtig das Prinzip der reversed drug: Nicht der Konsument selbst halluziniert, sondern seine Umwelt beginnt zu halluzinieren. Wenn du dich mit deiner Umwelt einlässt, verändert sich nicht deine Umwelt - die Umwelt verändert dich! Ich bin der Protagonist eurer Horrortrips. Die psychotische Provokationsstudentin Lou von Gillot scheint sich jedenfalls bis heute noch nicht richtig von diesem Schreckensbild losgerissen zu haben.

You'll never be alone again
Freitagnacht, durchgenudelt im Fusion-Strudel, bestehend aus nackten, tanzenden Wilden; versteckten unterirdischen Grotten voller Bücher und Käsesteaks; rotierenden Skultpuren aus brennenden Blumentöpfen; dem sich ständig in Bewegung befindlichen Boden, vor lauter Bässen von allen Seiten erzitternd; der ständigen Angst, beim Mundaufmachen zu Staub und Schweiß zu zerfallen... Raus aus meinem Traum, Donald Duck! Ich entschwebe, reiße ein Stück meiner Seele von meinem Körper und schleudere ihn mitten in die Menge, wo er von hunderttausend Fusionfüßen in den Boden getrampelt wird. Liebe tritt sich fest.
Und über allen diese einzigartige Fusion-Luft! Getränkt von köstlichen Pilzgerichten, niedergebrannten Weizenfeldern, umgestoßenen Dixieklos; ineinander verbissenen, schwitzenden, liebenden Kommunistenkörpern; entrückteverrücktezerdrückte Musik, so laut, dass man sie bereits riechen kann. Manchmal verirrt sich mitten in langweiligen Alltagstätigkeiten jenseits der fusionistischen Parallelgesellschaft ein schwacher Hauch dieses wunderbaren Dufts in meine Nase, schlagartig spüre ich wieder all die tanzenden Menschen um mich herum, und ich sehne mich nach dir.
Fusion, ich liebe dich.

2 Kommentare:

  1. Tanz die Redundanz bei Schweiß und Ranz
    Zelebrierte Obdachlosigkeit
    Ein Ort außerhalb der Zeit
    Gut behütete Stile
    für einander verfilzte Tiere
    p

    Jetzt nicht nachdenken!
    Nicht kommunizieren gilt nicht!

    Ordla nadadiutsch kaba gamborsi
    Zorb ofta grimba frutz wilipor
    norbe borsesmal kantarsenflus
    spill nos bruse ütabrol

    Weiter Weiter!
    Bis wir verschmelzen in unsern Plastepelzen.
    Heiter in den Mund
    Reiß die Lider auf
    Bis sie den Hinterkopf erreichen
    Ohren zu Riesentrichtern wünsch ich dir
    Obwohl ich schon im Meergesichtern mich verlier

    Experiment geglückt! Subjekt entrückt!

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  2. Da scheint ihr ja einiges erlebt zu haben auf eurem kleinen Ausflug. Aber hat denn der Verschlafende nicht wenigstens ein wenig büßen müssen?

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Werte Senioren! In letzter Zeit berichtet man im Forellenfriedhof-Dunstkreis immer wieder von einem Trickbetrüger, der sich infamerweise über Fake-Accounts als "Victor von Hagestolz" ausgibt. Die Fälschung ist allerdings sehr leicht zu enttarnen: Im Gegensatz zum originalen Victor von Hagestolz hat seine Avatarforelle keine Schwanzflosse!
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